29. September 2020 Coronatest statt Stubenarrest

Europäische und globale Lösungen statt nationalem Denken

Otfried Schöttle

Anmerkung von WORLD INSIGHT zur Kampagne “Coronatest statt Stubenarrest ” des Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verbandes (DRV)

Ich erinnere mich an mein Studium der Geographie zu Beginn der 90iger Jahre. Da sprachen wir ganz viel vom „Europa der Regionen“. In Zeiten von Corona ist davon nicht viel zu sehen. Jeder Staat kocht sein Süppchen – und das in einer globalen Welt, die so vernetzt und abhängig voneinander ist, dass wir nicht erst seit der Flüchtlingskrise wissen, dass man nicht einfach die Tür zu machen kann. Vor einem Virus geht das schon gar nicht.

Wenn wir in Deutschland den Lockdown betreiben, in Belgien die Maskenpflicht aber gelockert wird, obwohl die Zahlen steigen, dann macht das nur dann Sinn, wenn die Grenzen auf ewig geschlossen bleiben. Wollen wir das? Ach ja, die Impfung, da war doch noch was – ohne Frage: Sie wäre hilfreich, aber schon die normale Grippeimpfung beweist, dass wir das Virus damit nicht auslöschen. Deshalb werden wir, ob wir wollen oder nicht, mit einem neuen Virus leben müssen.

Und, meiner Ansicht nach, wäre Corona auch Anlass dazu, sich für zukünftige Pandemien besser vorzubereiten. So schrecklich Corona auch ist, es ist kein Ebola oder die Vogelgrippe. Üben wir deshalb jetzt. Und das heißt vor allem weg von nationalstaatlichen Lösungen hin zu europäischen, noch besser zu globalen Lösungen. Im besten Fall haben wir dann globale Frühwarnsysteme, sodass es nicht zu einer Pandemie kommt, aber wenn das Kind dann dennoch mal in den Brunnen gefallen ist, dann haben wir Standards, die für alle Länder dieser Erde gelten, Werte, die zu lokalen, aber nicht nationalen Lockdowns führen. Man kann dann immer noch Reisewarnungen für diese Länder aussprechen, die sich nicht an diese Regeln halten.

Deutschland hat aktuell die EU-Ratspräsidentschaft und verpasst momentan die epochale Chance, die Weichen zunächst für ein einheitliches Europa zu stellen, dass dann auch global die Führung übernehmen kann. Von der USA ist das zu Zeiten von Trump nicht zu erwarten. Wir sollten also die Verantwortung übernehmen. Wichtig ist: Es geht aktuell nicht um die Rettung unserer Reisebranche, sondern um ein zukünftiges System, in dem wir leben wollen – heißt: Lassen wir die Welt groß oder machen wir sie vielleicht unnötig auf unbestimmte Zeit klein?

Der Virologe Hendrik Streeck trifft es auf den Punkt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Direktor des Instituts für Virologie am Uniklinikum Bonn heute (29.09.2020) wie folgt zitiert: Es gäbe „zu viel Angst und zu wenig pragmatische Lösungen“. Und weiter: „Wir würden es nur mit den allerhärtesten Maßnahmen schaffen, es (das Virus, Anmerkung der Redaktion) einzudämmen. Dann aber errichten wir eine Art künstlichen Staudamm, während es in anderen Ländern weiterläuft“. Er plädiert dafür, das Geschehen „mit Augenmaß und intelligenten Systemen“ zu kontrollieren. Als Beispiel nannte er Schnelltests am Eingang von Pflegeheimen. Seine Sorge sei nun, dass im Herbst wenig über Lösungen diskutiert werde – und „zu viel darüber, wie wir das Leben wieder zurückfahren“.

Die vom DRV angeregten Tests statt Quarantäne sind für unsere Reisebranche ein Teil der Lösung. Weil diese jedoch nur eine Momentaufnahme bilden, sind Hygieneregeln während einer Reise mindestens ebenso wichtig. Der Fußball macht es vor: Die Stadien nicht vollmachen, sondern dezent und dem Infektionsgeschehen gemäß Zuschauer zulassen; in stark betroffenen Regionen auch Zuschauer zwischendurch wieder aussetzen. Für die Reisebranche funktioniert ein ähnliches Modell – gute Hygiene-Konzepte, Tourismus in geordneten Bahnen und nicht in Masse in Gebiete weltweit, die nach europäischem, im besten Fall globalen, Standard gemäß kein Risikogebiet sind.

Es gibt viele Länder dieser Welt, deren Covid-19-Rate gering oder sogar bei Null liegt und die sich ohne Frage auch politisch globalen Standards unterziehen würden. Ziel ist es, weder Infektionsgeschehen aus diesen nach Deutschland zu bringen, aber auch umgekehrt keines ins Zielgebiet einzuschleusen. Dazu der notwendige Maßnahmenmix aus Hygiene-Regeln und Tests. Kommt es dennoch zum Infektionsgeschehen, löst man es lokal und nicht gleich national.

Wir sind fest davon überzeugt, unseren Gästen unvergessliche Reiseerlebnisse in viele ausgewählte Länder dieser Welt anbieten zu können, ohne, dass diese ein erhöhtes Risiko einer Corona-Ansteckung innerhalb Deutschlands haben. Reisen mit gewissen Einschränkungen, dafür auch vielen neuen Einsichten und Empfindungen, wie unsere Touren nach Ausbruch der Pandemie bisher beweisen: Island hatten wir fast für uns, und Italien und Griechenland erleben wir gerade in seiner ganzen Ursprünglichkeit; Reiseleiter und Gäste sprechen von einmaligen Touren, die schöner nicht hätten sein können.

Reisen wir also bewusst und mit Bedacht und lassen unsere Welt groß! Panisches Schließen ganzer Länder und Kontinente sowie Zwangsquarantäne aus bürokratischen, jedoch nicht aus medizinisch-wissenschaftlichen Gründen bringen da nichts.

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