Reisebericht 18. März 2016

3.000 km mit dem Bus durch Georgien und Armenien

WORLD INSIGHT Reisegast

Ein weißer Fleck weniger auf der Landkarte: Alfred Dotschkal und seine Frau ließen sich auf ihrer Reise durch Georgien und Armenien von urigen Dörfern, edlen Tropfen, alten Klöstern und modernen Städten überraschen.

„Und, wo wollt ihr in diesem Jahr euren Urlaub verbringen?“ „Wir fahren nach Georgien und Armenien.“ „Achso, …!?“ Unsere Nachbarn sind schon einiges gewohnt von unseren Reisezielen. Aber Georgien und Armenien? Keiner gibt gerne zu, so wenig über diese beiden Länder zu wissen. Man weiß noch nicht einmal genau, wo sie überhaupt liegen.

Georgien und Armenien – Balkone Europas im Kaukasus und Wiege des Christentums, ehemalige Sowjetrepubliken, Konflikte um Südossetien und Bergkarabach, Erdbebengebiet, Radio Jerewan, Genozid an den Armeniern…, ehrlich gesagt, unser Wissen über diese Länder ist auch recht bescheiden. Nach unseren positiven Erfahrungen mit unserer ersten WORLD INSIGHT Reise in den Senegal beschließen wir, diese für uns weißen Flecken auf der Landkarte zu beseitigen und buchen die Reise „Vom Kaukasus zum Schwarzen Meer“ im Mai. Eine so abwechslungsreiche Erlebnisreise, wie sie uns hier geboten wurde, haben wir wirklich nicht erwartet!

Georgien

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Georgiens Hauptstadt Tiflis beeindruckt mit einer gekonnten Mischung aus alt und modern.

Wir sind angenehm überrascht, dass wir auf dem Flughafen der georgischen Hauptstadt bei der Passkontrolle mit einer Flasche Wein begrüßt werden. Lia, unsere junge Reiseleiterin, sammelt alle Gruppenmitglieder ein und begleitet uns zum Hotel. Nach einer kurzen Nacht starten wir zur Stadtbesichtigung von Tiflis. Das Wetter ist diesig, noch vor einigen Tagen hat es in Georgien viel geregnet. Wir erkunden die Altstadt und fahren mit der Seilbahn auf den Berg zur alten Festung und haben trotz leichten Nebels einen schönen Blick auf die Stadt, den Fluss Kura und die imposante Friedensbrücke. Bei unserem Spaziergang probieren wir die „Georgischen Snickers“ (in Armenien übrigens „Armenische Snickers“), Walnüsse ummantelt von einer Sirup-artigen Fruchtmasse. Mittags essen wir im „KGB“ und probieren frisch gebackenes, gefülltes Fladenbrot in einer Bäckerei.

Georgien ist ein christlich orthodoxes Land, es gibt eine Vielzahl an Klöstern und Kirchen, teilweise aus frühchristlicher Zeit, viele von ihnen sind UNESCO Weltkulturerbe. Natürlich sind diverse Besichtigungen im Reiseprogramm vorgesehen. Man muss ehrlich zugeben, jede Besichtigung ist wirklich einzigartig, interessant und mit spannenden Geschichten untermalt. Lia versteht es, uns die Kultur und das georgische Alltagsleben hautnah zu vermitteln. Noch zur Zeit ihrer Eltern war es üblich, dass junge Frauen auf der Straße einfach geklaut und so zur Heirat gezwungen wurden. Auch heute ist das Leben auf dem Lande noch sehr traditionell.

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Die Swetizchoweli-Kathedrale stammt aus dem 1. Jahrhundert.

Am nächsten Morgen beginnt unsere eigentliche Rundreise. Wir besuchen zunächst die alte Hauptstadt Mzcheta nördlich von Tiflis mit der imposanten Swetizchoweli-Kathedrale, dem heutigen Sitz des Katholikos-Patriarchen von Georgien. Gori ist die Geburtsstadt Stalins und beherbergt neben seinem Geburtshaus ein Museum, das Leben und Wirken des Despoten zeigt. Man scheint hier hin- und hergerissen zu sein, ob man ihm nun huldigen oder ihn verdammen soll.

Swanetien, unser nächstes Etappenziel, liegt in den Bergen des Kaukasus und wurde erst 1935 „wiederentdeckt“. Es gibt nur eine abenteuerliche Straße dorthin und die Hälfte des Jahres wird versucht, diese recht mühselig schneefrei zu halten und von Bergrutschen zu befreien. Unser Busfahrer muss immer wieder tiefen Schlaglöchern, Geröll- und Schlammabgängen, frei laufenden Kühen und Schweinen ausweichen, eine echte Meisterleistung! Wir sind in Mestia in einem Gästehaus mit Familienanschluss untergebracht und dürfen uns selbst ein Teil des Abendbrots auf georgische Art zubereiten. Das Essen ist sehr schmackhaft und reichlich: mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, Hüttenkäse, Fladenbrot, Omelette, sehr viel frisches Gemüse und Gewürze.

Auf einer Höhe von 2.200 m liegt Uschguli mit etwa 250 Einwohnern. Das höchst gelegene Dorf Europas – „das Herz, das keine Angst kennt“ – kann man nur mit Autos mit 4-Rad-Antrieb erreichen; die Straßenverhältnisse sind nach dem Regen der letzten Tage katastrophal. Der Eindruck ist wirklich unfassbar: Man fühlt sich zurück versetzt ins Mittelalter! Zwischen Schnee bedeckten Bergen schmiegen sich im leichten Nebel die grauen Steinhäuser mit ihren eigenen und einzigartigen Wehr- und Schutztürmen dicht an dicht, nur verbunden über matschige Wege mit Kopfsteinpflaster. Auf ihnen sind vereinzelt Menschen, Vieh und Karren unterwegs und wir stapfen mittendurch. Man braucht schon viel Idealismus, um hier zu leben! Das Wetter hat sich gebessert. Unser Gruppenfoto an der Lamaria-Kirche machen wir bei blauem Himmel und erhaschen noch einen Blick auf die Bergspitze des Schchara, mit über 5.000 m der höchste Berg Georgiens.

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Extravagante Architektur bestimmt das Stadtbild von Batumi.

Batumi, welch ein Kontrast zu Swanetien! Der prachtvolle botanische Garten, die belebten Straßen, die imposanten Gebäude und extravaganten Hotels, die emsige Hafenanlage und die kilometerlange Strandpromenade. Noch ist es früh im Jahr, aber im Hochsommer tummeln sich hier tausende Touristen aus der ehemaligen Sowjetunion und der Türkei am Kieselsteinstrand der Schwarzmeerküste. Wir schlendern entlang der Promenade, genießen die freie Zeit und bewundern die beeindruckenden Skulpturen wie „die erste Liebe“ in der untergehenden Abendsonne oder „Ali und Nino“, die sich im Laufe von zehn Minuten aufeinander zu bewegen, zu einer Einheit verschmelzen und sich anschließend wieder voneinander entfernen.

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Das Probierzimmer im Keller des Weinhauses.

Es ist schon ein kleines Wunderwerk, wie elegant sich die alte Steinbrücke aus dem 12. Jahrhundert in Keda über den Fluss spannt und die vielen Jahrhunderte überdauert hat. Die Region um Batumi ist bekannt für ihren Anbau alter georgischer Weinsorten. Im vornehmen Ajarian Wine House haben wir die Möglichkeit, diese teuren Weine – teilweise mit Nummerierung der einzelnen Flaschen – zu verkosten.

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Die Höhlenstadt Wardsia bot Platz für 50.000 Einwohner.

Unser letzter Tag in Georgien führt uns zur Grenze nach Armenien. Unterwegs halten wir bei der Höhlenstadt Wardsia, die im 12. Jahrhundert in einer Bergwand erbaut wurde. Hier lebten einst bis zu 50.000 Menschen in 3.000 Wohnungen. Nach einem Erdbeben sind große Teile des Berges abgebrochen und nur noch etwa ein Viertel der Räume blieben erhalten. Hauptattraktion ist die Klosterkirche mit ihrem prächtigen Säulenportal. Wir durchklettern schmale, teilweise dunkle Gänge zwischen einzelnen Höhlen. Gerade noch rechtzeitig vor einem Gewitter sind wir wieder unten am Fluss und genießen das Mittagessen in einem überdachten Strandlokal.

Langsam nähern wir uns weiter der Grenze. Wir verabschieden uns herzlich von „Mama“ Lia und dem Busfahrer. Vielen Dank, dass ihr uns so viel Interessantes von eurem Land und eurer Lebensart gezeigt habt! Ihr könnt stolz auf eure Heimat sein, was die Georgier selbst liebevoll als das „Paradies auf Erden“ bezeichnen. Keine Kontrolle, nur einen Stempel in den Pass, dann betreten wir armenisches Gebiet.

Armenien

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Der Markt in Gyumri betört die Sinne.

Unsere erste Nacht in Armenien verbringen wir in Gyumri im Gästehaus „Berlin“. Nach dem schweren Erdbeben 1988 mit 25.000 Toten wurde hier von Westberlin aus eine Poliklinik errichtet. Ein Teil davon ist heute Hotel und finanziert die Ambulanz. Viele Gebäude in der Stadt sind immer noch zerstört oder werden mit Fremdfinanzierung aufwändig renoviert.

Auf unserem Weg ins Landesinnere nach Dilijan machen wir einen Abstecher zum Kloster Haghpat. Der Komplex aus dem Frühmittelalter ist gerade heute besuchtes Ziel von jungen Leuten. Der letzte Schultag wird in Armenien groß gefeiert: mit bunt geschmückten, überfüllten Autos, gemeinsamen Kirchenbesuchen und rauschenden Partys mit lauter Musik. Wir haben selbst bei einer Abschlussfeier im Hotel mitgetanzt.

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Abends gibt es am Platz der Republik ein faszinierendes Schauspiel aus Wasserfontänen und Lichteffekten.

Wir fahren weiter zur Hauptstadt Armeniens. Nur am Wochenende ist der Kunstmarkt in Jerewan geöffnet. Wir halten am zentralen Platz der Republik und schlendern in kleinen Gruppen entlang der Verkaufsstände, die mit Kitsch und Kunst prall gefüllt sind. Nach unserer Einquartierung im Zentrum der Hauptstadt erkunden wir das Umfeld des Hotels. Auf dem Platz der Republik vor der Nationalgalerie beginnt abends ein zweistündiges Schauspiel aus wechselnden Wasserfontänen, untermalt mit farbigen Lichteffekten und grandioser Musik. Wir genießen den milden Abend und betrachten die schick gekleideten Menschen, die im bunten Lichterschein auf und ab promenieren und Selfies vor den angestrahlten Fontänen schießen. Den Leuten hier in der Hauptstadt, so scheint es, geht es wirtschaftlich wesentlich besser als auf dem Lande.

Unsere Besichtigungstour startet auf dem Kamm der Jerewan-Kaskade mit einem tollen Stadtpanorama eingerahmt von den beiden Gipfeln des Ararats im Hintergrund. Ein bunter Mix unterschiedlicher Skulpturen und Denkmäler begleitet unseren Treppenabstieg entlang der Kaskade. Mit dem Bus fahren wir zum Mahnmal des Genozids, der vor 100 Jahren an den Armeniern verübt wurde. Wirklich beklemmend ist die Ausstellung im zugehörigen Museum. Es ist immer wieder unfassbar, was Menschen anderen Menschen an Leid zufügen können.

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Die Ruinenanlage von Zwartnots ist Zeuge frühchristlicher Traditionen.

Wir fahren weiter nach Etschmiadsin und besuchen dort die Kathedrale, die heute Sitz des Patriarchen der armenisch-apostolischen Kirche ist. Auch die St. Hripsime Kirche und die Ruinenstätte von Zvartnots sind Zeugen langchristlicher Tradition. Zum Abschluss unserer Bustour kehren wir zu einer Betriebsführung in der Ararat Brandy Fabrik ein, natürlich mit Probeausschank. Zur Zeit der Sowjetunion war armenischer Brandy das bevorzugte alkoholische Getränk der Diplomaten. Viele Prominente, wie z.B. Wladimir Putin, Sepp Blatter, Lech Walesa und andere können auch heute hier ihr eigenes Fass aufmachen.

Am nächsten Tag verlassen wir die Hauptstadt zu einer 170 km langen Fahrt durch die Region Vajot Dzor, ein bevorzugtes Weinanbaugebiet Armeniens. Wir probieren Wein im Areni Weingut, aber Wein aus der Region und auch selbst gebrannter Schnaps wird anschließend in abgefüllten Cola- und Wasserflaschen am Straßenstand eingekauft.

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Das Kloster Chor Virap ist für Europa die Wiege des Christentums.

Die Klosteranlage Chor Virap liegt nahe an der türkischen Grenze und bildet mit dem Kleinen und dem Großen Ararat ein stolzes Bergpanorama. Hier liegt die europäische Wiege des Christentums. Im Jahre 301 verfügte der damalige König Trdat III., dass die Armenier als erstes Volk das Christentum als Staatsreligion annahmen und noch immer, über eine bewegte Zeit von Kriegen und unterschiedlichen Besatzern hinaus, ihren Glauben bewahrt haben.

Heute sind Wanderung und Seilbahnfahrt angesagt. Wir fahren mit dem Bus durch die Trauerschlucht – hier starben bei einem Erdbeben 10.000 Menschen – zur Stadt Jermuk, einem beliebten Kurort zu Sowjetzeiten. Wir probieren das Wasser der heißen Mineralquellen und wandern entlang des Heldenwegs an den in Stein gehauenen armenischen Helden vorbei durch die Schlucht zu einem Wasserfall. Mit der Seilbahn fahren wir hinauf zur Bergstation, um durch die Natur ins Tal hinab zu wandern. Vereinzelt sehen wir Frauen im Grünen, die Wildkräuter sammeln und putzen. Wir probieren die Kräuter, können den Geschmack aber nicht zuordnen.

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Viehtrieb gibt es häufig auf der Straße.

Heute fahren wir mit der längsten Pendelseilbahn der Welt – finanziert von einem armenischen Oligarchen – über die Worotan Schlucht zum Kloster Tatev. Die Seilbahn ist fast 6 km lang und die Fahrt dauert 11 Minuten. In der Nähe des Klosters geben wir Kleidung und Utensilien, die wir am Ende unserer Reise entbehren können, an Bedürftige weiter. Bekannt ist das Kloster durch eine 8 m hohe Steinsäule, die früher bereits durch leichte Erschütterungen der Erde zu Wanken begann und so herannahende Reiterhorden verriet. Auf unserem Rückweg nach Jerewan kehren wir bei einer armenischen Familie ein und bekommen die private Herstellung und Verkostung von Käse geboten.

Der letzte Tag in Jerewan steht voll und ganz zur freien Verfügung. Wir nutzen die Zeit für einen Stadtbummel und abends für das bekannte Springbrunnen-Spektakel auf dem zentralen Platz. Erst um 2:15 am frühen Sonntagmorgen geht es zum Flughafen und um 4:30, mit einer halben Stunde Verspätung, hebt der Flieger von Austrian Richtung Wien ab.

Vielen Dank an unserer Reiseleiterin Narine und vielen Dank den Busfahrern für die großartigen Einblicke und Erlebnisse, die wir in ihrem Heimatland sehen und genießen durften. Armenien ist nicht steinreich, aber reich an Steinen, Bergen und beeindruckender Landschaft, und an aufgeschlossenen, freundlichen Menschen, das übrigens auch uneingeschränkt für Georgien gilt. Unsere weißen Flecken auf der Landkarte sind nun bunt und inhaltsreich geworden, gefüllt mit vielen Erlebnissen und Erinnerungen.

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