Mongolei 10. Juni 2015

Die Wunder der Gobi

Oleg Zurmühlen

Langweilige Steppenlandschaft? Von wegen: Eine Entdeckungstour durch die mongolische Gobi führt uns zu Dinosaurier-Friedhöfen, gigantischen Sanddünen und der Geierschlucht mit einem einzigartigen Wüstengletscher.

Wer bisher Wüsten als gigantische Sandkästen ohne Leben gesehen hat, wird von der Gobi eindrucksvoll vom Gegenteil überzeugt: Die nach der Sahara zweitgrößte Wüste der Welt hat viele Gesichter und Namen. Die Chinesen etwa nennen sie Schamo, Sandwüste, der Name Gobi kommt hingegen aus dem Mongolischen und bedeutet schlicht Wüste. Gerade in der Mongolei, die von der Gobi fast zu einem Drittel bedeckt wird, machen klassische Sanddünen nur einen geringen Bruchteil des Landschaftsbildes aus.

Von trockener Steppe über bizarre Gesteinsformationen bis hin zu ganzen Wäldern dürrer Wüstenpflanzen zeigt sich die Gobi in den unterschiedlichsten Facetten – kein Wunder, dass die Mongolen gleich 33 verschiedene Arten von Wüste unterscheiden. Wo heute Nomaden mit ihren Viehherden umherziehen, gab es schon in der Steinzeit menschliches Leben. Vor noch viel längerer Zeit streiften gar Dinosaurier durch die damals mutmaßlich tropische Vegetation. Wir haben uns gefragt, welche Naturwunder dieser unglaublich spannende Ort heute bereithält.

Die „Brennenden Klippen“ von Bayanzag

Die Morgensonne taucht die „Brennenden Klippen“ in warme Farben

Während die wärmenden Strahlen der Morgensonne sich über die weite Steppe ausbreiten, erwacht nicht nur die Tierwelt der Wüste Gobi zum Leben: Die Felsenformation von Bayanzag wird in leuchtendes Orangerot getaucht, ein Phänomen, dass den schroffen Felsen den Namen „Brennende Klippen“ einbrachte. Die Übersetzung des mongolischen Namens Bayanzag (dt. „reich an Saxaul“) weist allerdings auf eine andere Besonderheit hin: So lädt hier nämlich gleich ein ganzer Wald knorriger Wüstenpflanzen zu einer kleinen Wanderung ein. Das Grün dieser Saxaulpflanzen bietet dem rostrot der kargen Umgebung mutig die Stirn.

Saxaulpflanze

Störrisch trotzt die Saxaulpflanze der Ödnis

Schon auf der Fahrt nach Bayanzag haben wir nicht nur diese trotzigen Pflanzen, sondern auch blauen Kieselboden und mal rote, mal graue Senken mit jeweils ganz eigener Flora und Fauna passiert. Was im ersten Augenblick verborgen bleibt, ist die spannende Geschichte hinter diesem faszinierenden Ort: Es war im Jahr 1923, als der Amerikaner Roy Chapman Andrews hier die ersten Dinosaurier-Eier fand.

Heute ist Bayanzag berühmt für Funde riesiger Dinosaurierskelette, die mittlerweile im New York Natural History Museum für verblüffte Gesichter sorgen. Sie dienten unter anderem auch als Vorlage für die Jurassic Park Filme. Der Dinosaurier-Friedhof wurde schon vor Jahrhunderten von Nomaden entdeckt, die die Knochen für Drachenskelette hielten, daraufhin verehrten und vor Berührungen und Ausgrabungen schützten.

Die Sanddünen von Khongoriin Els

Sanddüne Khongoriin Els vor dem Altai

Vom Wind elegant geformt: Die Sanddünen von Khongoriin Els vor dem Altai

Die Gobi ist keine typische Wüste, so wie wir sie uns als romantisch verklärte, ästhetisch geschwungene Sandberge vorstellen, sondern vielmehr eine karge, schroffe Steppe. Mitten in dieser Landschaft bildet die Sanddüne von Khongoriin Els eine echte Ausnahme und wirkt wie die romantische Bilderbuchwüste, die wir zum Beispiel in der Sahara finden.

Nach einer Übernachtung in der Jurte, den typischen runden Zeltbehausungen der mongolischen Nomaden, lassen wir die beeindruckende Landschaft bei einem Kamelausritt auf uns wirken: Die vom Wind in perfekten Schwüngen geformten Dünen der Khongoriin Els strecken sich über 100 km in die Länge und sind etwa 12 km breit. Während einzelne Dünen um die 30 m hoch sind, erhebt sich der höchste Punkt dieses kleinen Dünengebirges auf bis zu 300 m. Auch hier bietet die Szenerie ein atemberaubendes Farbenspiel. Im Hintergrund der hellen Sanddünen ragt das schwarze Gestein der Ausläufer des Altai-Gebirges in den blauen Himmel, vor den Dünen erstreckt sich das hellgrüne Gras der Steppenlandschaft.

Eine Wanderung auf den mächtigen Sanddünen entwickelt sich für uns zu einer echten Rutschpartie, denn der Sand ist besonders feinkörnig. Bei perfekten Bedingungen hat auch dieses Naturwunder eine Geschichte zu erzählen. Sind die Windverhältnisse richtig (meist im Herbst), wird der Sand an den Hängen der Dünen ins Rutschen gebracht, wobei ein dumpfes Brummen ähnlich dem Start eines Flugzeugs entsteht. Deshalb wird auch von den „Singenden Sanddünen“ gesprochen.

Die Khongoriin Els kann dank des Windes nicht nur singen, sondern verändert auch ständig ihr Aussehen. Deshalb sollte man sich für den Weg zurück nicht auf seine Fußspuren verlassen. Was wir als Besucher nicht bemerken, ist die schleichende Verlagerung der Düne von Westen nach Osten, was sie zu einer der größten Wanderdünen der Welt macht.

Die Geierschlucht Joly Am

Die Geierschlucht Jolyn Am

Wasser bahnt sich den Weg durch die Geierschlucht

Für Joly Am bietet sich der Vergleich mit einer Oase an: Die stark zerklüftete Schlucht mitten in der Wüste wandelt sich im Sommer zu einem echten Paradies für Tiere und Pflanzen. Der sommerliche Regen führt zu hunderten von Wasserfällen, die sich in der Schlucht zu einem kleinen Flusslauf vereinigen, sodass wilde Tiere von den Gipfeln der umliegenden Berge zum Wassertrinken hinabsteigen.

In den Höhen ist auch der Bartgeier zuhause, der der Schlucht den Namen „Geierschlucht“ gibt. Der Eingang zur Joly Am ist noch relativ breit. Je weiter wir jedoch hineinwandern, desto enger rücken die schroffen Felswände zusammen. Als wir die tiefste Stelle der Schlucht erreichen, entdecken wir vergletschertes Eis.

Vergletschertes Eis in der Geierschlucht

Vergletschertes Eis in der Joly Am

Was sich hier verbirgt, ist ein Naturschauspiel, das es in der Art kein zweites Mal auf der Welt gibt: Dank der topographischen Eigenschaften der Schlucht gelangt an die tiefste Stelle das ganze Jahr über kein einziger Sonnenstrahl. So sammelt sich am Boden ein Kaltluftsee, der nicht wieder abfließen kann.

Der Ort ist klimatisch völlig unabhängig von der ihn umgebenden Wüste. Durch das dichte Vulkangestein wird selbst die Erdwärme ferngehalten. Aufgrund des Zusammentreffens dieser Eigenschaften wird ein Auftauen des im Winter entstandenen Eises auch im Hochsommer verhindert – ein Gletscher inmitten einer Wüste, absolut einzigartig!

Diese Artikel könnten dich auch interessieren...

Südindien mit Goa

In Indien ist Kultur quicklebendig

Unsere neue 15-tägige Reise „Indien: der Süden mit Goa“ lässt uns mit dem Rad durch die Ruinenstadt Vijayanagar fahren, über den Devaraja-Markt spazieren und am Ende an den herrlichen Stränden Goas entspannen.

Nordkorea und Nordchina

Zu Gast bei Mr. Kim

Nordkorea und Nordchina gehören wohl zu den ungewöhnlicheren Reisezielen. Beide Länder haben aber ohne Frage einiges zu bieten.

Thailand

Willkommen im „Land der Freien“

Du meinst, Thailand zu kennen? Zu touristisch, zu „Mainstream“? Frag mal einen Thai dazu, der wird dich höflich anlächeln und nur ein Wort dazu sagen: „Bababobo“ – „Unsinn“!