Reiseleiterin Htet Htet 14. September 2015

Shwedagon sei Dank!

Oleg Zurmühlen

Unsere Reiseleiterin Htet Htet ist in Myanmars größter Stadt Yangon zu Hause und hat der berühmten Shwedagon-Pagode viel zu verdanken. Von einer neu entdeckten Leidenschaft und dem Alltag in einem Land des Wandels.

Es war einer dieser Tage, an denen der Stress des Alltags wie Blei auf den Schultern lastete, die Hektik der Großstadt den eigenen Geist lähmte. Htet Htet hatte als Angestellte einer Schifffahrtsgesellschaft in Yangon mal wieder den täglichen Gang zum Regierungsbüro hinter sich gebracht, um die jeden Tag aufs Neue erforderliche Erlaubnis für die Einfuhr von Importgütern einzuholen. Auch an diesem Tag hatte sie wieder neue Kraft mit dem Besuch der Shwedagon-Pagode getankt, als sie dort eine ausländische Reisegruppe sah: Ein Reiseleiter erzählte auf Englisch von der Geschichte und Architektur der Pagode, vom Buddhismus und dem Leben der Menschen in Myanmar. Für Htet Htet war sofort klar: „Die Arbeit als Reiseleiter passt gut zu mir“.

Ein stolzer Moment

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Seit 2005 ist Htet Htet, 39, als Reiseleiterin in ihrem Heimatland Myanmar unterwegs. Sie hat ein Diplom in Deutsch und gilt dank ihrer offenen, herzlichen Art als eine unserer beliebtesten Reiseleiterinnen.

Es war das Jahr 2002, als sie den Entschluss fasste, Deutsch zu lernen und ihren anstrengenden ersten Job kündigte. Als englischsprachige Reiseleiterin zu arbeiten kam für sie nicht in Frage, da Englisch in Myanmar bereits seit dem Kindergarten gelehrt wird und damit keine Nische versprach. Deutsch aber, so hörte sie, sei schwer zu lernen und würde nur von wenigen Reiseleitern gesprochen. Glücklicherweise gab es in ihrer Heimatstadt Yangon den passenden Studiengang an einer von zwei Universitäten für Fremdsprachen in ganz Myanmar. Für Htet Htet konnte es dann nicht schnell genug gehen: „Schon während meiner Studienzeit versuchte ich die Reiseleiterlizenz zu bekommen.“ Dafür waren ein Antrag bei der Regierung und weitere Prüfungen notwendig. Doch auch die Lizenz und der Diplom-Abschluss reichten ihr nicht. Sie las viel über ihr Land, lernte von einem damals bekannten Reiseleiter in Yangon viel über Tourismus und machte eine einmonatige Rundreise durch Myanmar, bevor sie es sich zutraute, selbst als Reiseleiterin zu arbeiten. Ein stolzer Moment für Htet Htet: „Ich werde mich immer daran erinnern, wie ich 2005 das erste Mal Gästen mein Land gezeigt habe. Diese Wissbegierde und Aufgeschlossenheit der Gäste hat mich fasziniert!“


Hintergrund: Shwedagon-Pagode

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Das religiöse Zentrum Myanmars

Über vier Aufgänge geht es hinauf zu einem beispiellosen Ort: Knapp 100 m ragt der zentrale Stupa der Shwedagon-Pagode auf einem Hügel im Norden Yangons in die Luft und schart dutzende kleine Tempel, Gebetshallen und Altäre um sich – auf 60.000 m² Marmorboden. Ausnahmslos jedes noch so kleine Bauwerk dieses kunstvollen Komplexes ist mit Gold überzogen. Der glockenförmige Turm der Hauptstupa ist mit Goldplatten gedeckt, die auf ein Gewicht von 60 Tonnen geschätzt werden und nach heutigem Goldpreis einen Wert von über zwei Milliarden Euro haben. Zum Vergleich: Australiens Goldreserven beziffern sich auf ca. 80 Tonnen. Die Spitze des Stupa, der Hti, ist mit ca. 80.000 Diamanten und anderen Edelsteinen verziert und gekrönt von einem 76-karätigen Diamanten. Der Stellenwert des heiligen Bauwerks drückt sich aber nicht nur in Zahlen aus: Kein Hochhaus überragt das heilige Bauwerk, sodass die Shwedagon-Pagode von fast überall in Yangon zu sehen ist. Auch für die burmanische Freiheitsbewegung hat die Pagode eine besondere Symbolik. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hielt dort ihre erste offizielle Rede.


Karma im Großstadtdschungel

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Yangon, Myanmars größte Stadt, hat neben der typischen Hektik einer asiatischen Metropole auch viel Grün zu bieten.

Heute führt Htet Htet WORLD INSIGHT-Reisende zur goldenen Shwedagon-Pagode im Herzen Yangons und kann sich keine bessere Arbeit vorstellen. Seit drei Monaten wohnt sie in Hlaing, einem Stadtteil von Yangon, diesem über vier Millionen Einwohner umfassenden Großstadtdschungel, der 2005 noch Hauptstadt des Landes war. Mit ihrem Mann bewohnt sie eine 60 m² große Wohnung: „Nicht groß, aber groß genug für uns, und sie gefällt mir sehr.“ Es ist nicht weit bis zum nächsten Bahnhof oder zur Bushaltestelle und auch der Supermarkt ist zu Fuß erreichbar. Jeden Tag geht sie dort Lebensmittel einkaufen, Gemüse und Fleisch gibt es einmal die Woche vom Markt.

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Der respektvolle Umgang in Myanmar ist auch auf dem Wochenmarkt zu beobachten.

Der Alltag unterscheidet sich nicht groß von dem in einer deutschen Großstadt, es ist vielmehr die Sicht auf die Dinge, die Art des Umgangs mit dem Alltag, die vor allem dem Buddhismus zu verdanken ist. Das innere Gleichgewicht zu bewahren ist dabei ebenso wichtig wie das Konzept des Karmas. Alles, was man sagt, denkt und macht, hat eine Wirkung, die sich im gegenwärtigen oder im zukünftigen Leben zeigt. Die fünf Grundregeln des Buddhismus geben den moralischen Rahmen. Dort heißt es etwa, kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen, sich gegenseitig Respekt zu zeigen und nicht zu lügen. Htet Htet weiß, dass grade in einer Großstadt wie Yangon nicht alle Regeln immer befolgt werden: „Wenn jemand Stress hat, geht er zur Pagode, setzt sich vor die Buddhastatue, zeigt ihr Respekt und denkt über seine Taten nach.“ Der Respekt untereinander und die Selbstreflexion sind es auch, die der buddhistische Glaube tief in der Gesellschaft Myanmars verankert hat. Austausch von Zärtlichkeit unter Verliebten in der Öffentlichkeit wird aus Respekt etwa konsequent vermieden, ein Verstoß gegen dieses ungeschriebene Gesetz käme einer Beleidigung gleich.

Fischsuppe statt Brötchen

Der Buddhismus zeigt sich auch in Htet Htets Alltag: Eine Buddhastatue gehört in jeden buddhistischen Haushalt und jeden Morgen erweist sie Buddha mit Opfergaben wie Reis ihren Respekt. Htet Htet steht meist früh auf und beginnt damit, das Mittagessen zu kochen, während ihr Mann die traditionelle Fischsuppe Mohinga zum Frühstück vorbereitet. Die Suppe aus Fisch, Bananenstaudenstücken und Gewürzen wird oft mit Nudeln serviert und findet sich nicht nur in Garküchen, sondern auch in bekannten Restaurants und Hotels. Je nach Geschmack wird das Gericht mit Limettensaft, Chilipulver und Koriander verfeinert und mit Reisnudeln, Enteneiern oder gebratenen Erbsen kombiniert. Gerne wird die Mohinga aber auch zum Mittag und als Snack vor dem Abendessen gegessen, ihr Stellenwert in Myanmar ist mit dem der Brötchen in Deutschland zu vergleichen.

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Balsam für die Seele: Htet Htet entspannt am liebsten bei der Pflege ihrer Balkonpflanzen.

Nach Frühstück und etwas Hausarbeit hat Htet Htet meist frei und kümmert sich um ihre Pflanzen, die sie auf ihrem Balkon angepflanzt hat: „Ich mag die Natur und das Grün. Das ist meine Lieblingszeit des Tages und Entspannung für die Seele.“ Neben dem Lesen gehört das Nähen zu ihren liebsten Hobbys. Für ihren Job als Reiseleiterin braucht sie jedes Jahr neue Kleidung. Meistens schneidert sie sie einfach selbst. Die freie Zeit nutzt Htet Htet auch gerne, um ihre Eltern zu besuchen, die weiter entfernt, ebenfalls in Yangon wohnen. Oft fährt sie dann mit der Ringbahn, die die Stadtteile in einem Kreis um das Stadtzentrum herum verbindet. Die „Circle Line“ ist in der englischen Kolonialzeit entstanden und seitdem auch kaum mehr gepflegt worden. Die meiste Zeit sind aufgrund der schlechten Streckenverhältnisse nur 30 km/h möglich, auch weil viele Menschen ihre Behausungen gefährlich nah an die Schienen gebaut haben. Trotzdem ist der Zug in Yangon die günstigste Fortbewegungsart, wenn man denn genug Geduld mitbringt.

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Die „Circle Line“ verbindet die Stadtteile Yangons in einem Ring und hält immer nur für ein paar Sekunden. Das Aussteigen geht dementsprechend recht zügig und klappt doch reibungslos, was sich auch auf der WORLD INSIGHT-Reise durch Myanmar feststellen lässt.

Smartphone-Inflation und ein Fast Food-Restaurant

Geduld ist bei den Menschen in Myanmar auch in Sachen Politik gefragt. Der Demokratisierungsprozess, der 2011 von der Regierung unter dem neu gewählten Staatspräsidenten Thein Sein angestoßen wurde, hat einige tiefgreifende Veränderungen gebracht, doch das Militär ist weiterhin an der Macht: Eine Verfassungsänderung, die eine Präsidentschaft der berühmten oppositionellen Aung San Suu Kyi ermöglicht hätte, wurde abgelehnt. In der Bevölkerung Myanmars wurde diese Nachricht mit Verärgerung aufgenommen, denn die „Lady“ erfreut sich großer Beliebtheit im ganzen Land. Heute sprießen Galerien mit politischer Kunst in Yangon wie Gras aus dem Boden und junge Leute diskutieren in den beliebten Teestuben über Politik – etwas, das in der Öffentlichkeit vor 2011 noch undenkbar war.

Auch die mit der Demokratisierung einhergehende wirtschaftliche Öffnung von Myanmar hat das Alltagsleben stark verändert. Waren vor 2011 Simkarten nur der reichen Oberschicht zugänglich und damit ein Zeichen für Luxus, kann sich auch Htet Htet heute ein Handy leisten. Zwei private Telefonanbieter haben dem staatlichen Anbieter Konkurrenz gemacht, eine Simkarte kostet deswegen nur noch 1.500 Kyats (etwa 1 €) und ist in vielen Varianten erhältlich. So hat auch die Smartphone-Inflation Einzug in die Straßen Yangons erhalten, problemlos lässt sich jederzeit im Internet surfen und die neuesten Nachrichten verfolgen – auch dank der gelockerten Medienkontrolle durch den Staat.

Den Umschwung in der Gesellschaft symbolisiert die Eröffnung des ersten westlichen Fast Food-Restaurants durch die weltweit bekannte Kette „KFC“ in Yangon wohl am treffendsten. Ein Menü kostet dort etwa 3,50 US-Dollar und ist nur für die Mittel- und Oberschicht bezahlbar, dennoch bilden sich Tag für Tag Schlangen vor der Filiale. Für Htet Htet ist das nichts: „Mich reizt das überhaupt nicht, deswegen war ich bis jetzt auch nicht da. Die meisten Leute wollen einfach probieren, wie der Geschmack ist, darum ist es so populär.“

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Htet Htet in ihrem Element: MIt Freude erzählt sie von der Kultur Myanmars.

Statt sich für ein bisschen westlichen Lebensstil in lange Schlangen zu stellen, zeigt Htet Htet lieber ihren Gästen auf WORLD INSIGHT-Reisen die Besonderheiten der Kultur Myanmars. Die Shwedagon-Pagode im Herzen ihrer Heimatstadt etwa, mit den zahllosen goldenen Schreinen auf einer weitläufigen Plattform aus Marmorplatten, die selbst beim größten Touristenansturm noch Platz für Ruhe und religiöse Hingabe lässt. Nur fünfzehn Gehminuten vom religiösen Zentrum des Landes befindet sich das Dhamma Joti Vipassana Meditationszentrum. Mindestens einmal im Jahr holt sich Htet Htet hier eine neue Dosis Ruhe und Konzentration. Zehn Tage lang, zehn Stunden Meditation am Tag.

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