7. Dezember 2015 Marokko

Wo Märchen aus 1001 Nacht Wirklichkeit werden

Otfried Schöttle

WORLD INSIGHT-Geschäftsführer Otfried Schöttle und WORLD INSIGHT-Fotoreiseleiter Martin Buschmann begegneten in Marokko interessanten Menschen, erlebten bunte Städte und durchquerten abenteuerliche Landschaften.

Jalil gibt sich bescheiden. Er sei nur ein kleiner, unbedeutender Reiseleiter in Rabat. Dann das ABER, das „ABER wissen Sie, wem ich schon alles meine Stadt gezeigt habe?“ – es kommt beiläufig, aber bestimmt und seine Brust schwillt merklich an. Mit „dem Herrn von Weizsäcker“ sei er bereits auf Tour gewesen, „ein netter Mensch“. Und mit Nicolas Sarkozy. Und dann sprudeln die Namen der Persönlichkeiten nur so aus ihm heraus. Die Bewunderung, die wir ihm entgegenbringen, ist etwas geschauspielert und übertrieben, so wie vermutlich auch Jalils Kontakte zu den Mächtigen dieser Welt. Ein kleiner Anteil Märchen aus 1001 Nacht steckt eben hinter vielen Geschichten in Marokko. Ahmed, einer unserer WORLD INSIGHT-Reiseleiter und mit uns auf dieser Tour, lacht: „In Marokko werden gerne aus Mücken Elefanten gemacht – dann genügt ein kurzer Blick auf eine Persönlichkeit und schon ist man mit dieser bekannt.“ Doch weil Jalil die Geschichte so charmant verpackt hat und weil wir auch viel Wahres und Hintergründiges von Jalil erfahren, von den Dynastien der Idris bis zum heutigen Königshaus, vom berühmten marokkanischen Schriftsteller Mustafa Kadiri bis zum aktuellen Ministerpräsidenten Ben Kiran, sind wir dem guten Mann nicht böse und verzeihen ihm alle kleinen, eitlen Übertreibungen.


Die Struktur dieser Kasbah ist wie die einer romanischen Stadt… eine kleine Stadt in einer Stadt.


Marokko ist anders. Wenn es einen Messwert gäbe, der Flugstunden in Abhängigkeit zum Erlebnischarakter setzt, dann stünde Marokko ganz oben. Innerhalb von vier Stunden betreten wir eine andere Welt. Eine Welt der Kasbahs und Berber, der Oasen und endlosen Wüsten, der labyrinthartigen Märkte und Altstädte, der Teetrinker und Djellabaträger, der mächtigen Bergriesen des Hohen Atlas, der Küstenstädte, der Gaukler und Ziegenhirten. Man könnte diese Aufzählung endlos fortsetzen, man fände ebenso kein Ende wie beim Zählen der Sterne am wolkenlosen marokkanischen Wüstenhimmel. Wo also soll man anfangen, wenn man einen Bericht über Marokko schreiben will?

„Schau mir in die Augen, Kleines“

Kathy zeigte Geschäftssinn und kopierte das berühmte Café aus dem Film "Casablanca". Wo? Natürlich in Casablanca.

Kathy zeigte Geschäftssinn und kopierte das berühmte Café aus dem Film “Casablanca”. Wo? Natürlich in Casablanca.

Für uns beginnt die Reise in Casablanca, in Rick’s Café. Wir haben eine Verabredung mit Kathy, der Besitzerin des wohl bekanntesten Restaurants der Stadt. Wie sie auf die Idee kam, ein Restaurant nach dem Vorbild des Cafés aus dem Film „Casablanca“ zu eröffnen, fragen wir sie. Für eine Amerikanerin, die mit Disney World aufgewachsen ist, liegt die Antwort auf der Hand: Hier wurde ein legendärer Film gedreht, nur um die anschließende Vermarktung haben sich die Marokkaner nicht gekümmert. Da lag es für Kathy nahe, dass sie sich nach ihrer beruflichen Laufbahn in der amerikanischen Botschaft in Casablanca diesem Projekt zuwendete. In ihrer Heimat Portland fand sie Investoren und seit 12 Jahren betreibt sie nun eine Replik des Cafés aus dem Film „Casablanca“, in das Humphrey Bogart jedoch niemals einen Fuß setzte, niemals Ingrid Bergman sein berühmtes „Schau mir in die Augen, Kleines“ ins Gesicht sagte und das dennoch so aussieht, als ob nirgendwo sonst der Film gedreht worden sein könnte als hier. Diese perfekte Hollywoodkulisse, vor der an vielen Abenden live „As Time Goes By“ auf dem Piano gespielt wird, in einem gemütlichen Kaminzimmer tonlos „Casablanca“ läuft und exzellente Foie gras, Filet Mignon, aber auch einfache Burger serviert werden, steht mittlerweile in jedem Reiseführer und gilt nach der mächtigen Moschee Hassan II. als das „Must see“ für die größte Stadt des Landes. Kathy verabschiedet uns mit dem Hinweis darauf, dass sie bald eine neue Website hat und wir ihr Restaurant doch bitte schön promoten sollen. Und das, obwohl Rick’s Café fast zu jeder Zeit gut besucht ist, von Touristen wie betuchten Einheimischen gleichermaßen. Hier vereint sich amerikanischer Geschäftssinn mit Weitblick für schlechtere Zeiten, immer mit einem Lächeln, fast schon besser als Bogarts Original.

Malerischer Norden

Chefchaouen im malerischen Norden: "Neckermänner" oder große Busse findet man hier nicht.

Chefchaouen im malerischen Norden: “Neckermänner” oder große Busse findet man hier nicht.

Wir machen einen Abstecher in den Norden nach Chefchaouen. Der pittoreske Ort liegt im westlichen Rif-Gebirge zwischen dem 2.050 Meter hohen Jebel Kelaa und dem 2.123 Meter hohen Jebel Meggou und ist Teil unserer umfassenden Marokko-ErlebnisReise und unserer VagaBUNT-Reise. Chefchaouen ist ein Ort zum Verweilen. Wir verlieren uns in den Gassen mit den blau und weiß getünchten Häusern der Altstadt, die an Andalusien erinnern. Wir blicken in kleine Läden, die das traditionelle Kleidungsstück, die Djellaba, in allen Formen, Farben und Größen anbieten, wir sehen Metzgern zu, wie sie Ziegen und Schafe zerlegen, wir steigen auf den Turm der örtlichen Kasbah und blicken auf die herrliche Umgebung, wir sitzen am Place Outta el Hammam und genießen das Treiben um uns herum bei einer Tasse Café au lait. Es sind eher einzelne Touristen, die sich hierher verirren, die man wohl das „alternative Publikum“ nennt, „Neckermänner“ und große Busse findet man hier nicht. Weil Chefchaouen so malerisch ist, wollen wir den Ort aus der Perspektive eines Malers kennenlernen.

Der bekannte Künstler Mohcine Elouragli liebt seine Heimat inbrünstig und gewährt uns auf unserer Tour Einblicke in sein Atelier und in sein Seelenleben.

Der bekannte Künstler Mohcine Elouragli liebt seine Heimat inbrünstig und
gewährt uns auf unserer Tour Einblicke in sein Atelier und in sein Seelenleben.

Und so treffen wir uns mit dem Künstler Mohcine Elouragli, der uns durch die engen, verwinkelten Gassen zu seinem Atelier führt, das gleichzeitig als Wohnung für ihn, seine Frau und die beiden Kinder dient. Der Raum ist voller Gemälde und fast alle zeigen ähnliche Motive mit typischen Straßenszenen aus Chefchaouen mit blauen, weißen und manchmal braunen Farben. Auf den ersten Blick gleicht ein Bild dem anderen, erst beim näheren Hinschauen fallen dem Betrachter wichtige Details auf, wie zum Beispiel das nimmer endende Spiel zwischen Licht und Schatten, der Blick von oben auf die Wäscheleinen mit strahlend bunten Kleidungsstücken, die noch klarer erscheinen, weil sie im intensiven Licht nach einem Regenguss gemalt worden sind. Ohne Zweifel, Mohcine liebt seine Arbeit und seine Stadt: „Ich wurde hier geboren, ich werde hier sterben“, sagt der 50-jährige, stille und freundliche Mann. Ein Bild widmet er sogar Figuren, die Chefchaouen verlassen haben und reumütig nach vielen Jahren zurückkehrten. Dabei ist Mohcine kein engstirniger Mensch ohne Horizont: Seine Ausstellungen führten ihn durch ganz Marokko und sogar nach Spanien, wo er sich mit anderen Künstlern austauschte. An den Wänden seines Ateliers zeugen Zeitungsartikel von seinen Leistungen. Besonders stolz aber ist er auf das Bild, das ihn mit Mohammed VI., dem aktuellen König, zeigt. Vorsichtig nimmt er die goldgerahmte Aufnahme von der Wand, ein Erinnerungsstück an seine künstlerische Arbeit im Königspalast, und posiert damit für ein Foto. Chefchaouen verabschiedet uns so malerisch, wie es uns begegnet ist: mit einem herrlichen Sonnenuntergang über dem Rif-Gebirge. Unser nächstes Ziel ist Fès, die bedeutendste aller Königsstädte Marokkos.

Süße Anschläge auf die Sinne

Fès ist eine Stadt voller Leben. Quirlige Märkte finden sich allerorts.

Fès ist eine Stadt voller Leben. Quirlige
Märkte finden sich allerorts.

In der „Fußgängerzone“ der Altstadt von Fès sind Esel nicht erlaubt. Als Fatima, die uns hier im Souk begleitet, das erzählt, staunen wir – jedoch nicht darüber, dass diese nicht erlaubt wären, sondern wie Menschen überhaupt auf die Idee kommen könnten, diese engen Gassen mit einem Eselskarren zu durchfahren? Keine zwanzig Meter weiter sind sie hingegen erlaubt und wenn der Fahrer „Belak!“, zu Deutsch „Vorsicht!“, ruft, hilft nur noch ein schneller Sprung zur Seite, sofern es der Platz zulässt. Bremsen kommt für die Eselskarren in jedem Fall nicht infrage. Der Souk von Fès ist allgemein ein in jeder Hinsicht ungebremstes Chaos: ein Gewirr aus engen Gassen und von Waren überquellender Läden, von schreienden und wild gestikulierenden Händlern, von Gerüchen und Eindrücken, die den Besucher aus dem geordneten Europa schon einmal überfordern können. Das Angebot an Speisen ist ebenfalls unermesslich. Überall gibt es Tajines (Schmorgerichte), Couscous, Hammelfleisch, Schnecken oder die für Fès typische Pastilla, ein Blätterteiggericht gefüllt mit Tauben- oder Hühnchenfleisch. Die Gerüche von Gewürzen, wie Koriander, Curry und Safran, die kunstvoll zu farbenfrohen Pyramiden geformt sind, liegen in der Luft. Die Königin aller Gewürze aber ist Raselhanout, eine Gewürzmischung aus mindestens dreißig Zutaten, die individuell von jedem Händler hergestellt wird und deren Mischung ein streng gehütetes Geheimnis ist. Zum Nachtisch gibt es im Souk beispielsweise Rghifa, ein süßer Anschlag auf die Sinne aus Mehl, Zimt, Honig und Mandeln. Neben Kulinarischem findet man in den Gassen von Fès natürlich auch sonst alles, vom unnützen Plunder bis zu den Notwendigkeiten für Haushalt und Handwerk, vom Werkzeugkoffer bis hin zur Sänfte für Hochzeiten.

Für Asthmakranke sei die Arbeit aufgrund der Ausdünstungen geradezu Medizin.

Die Gerber von Fès sind berühmt und man kann ihnen von einer Terrasse aus bei ihrer Tätigkeit zuschauen. Täglich verbringen sie eine Stunde in den Bassins, um die rohen Tierhäute zu Leder zu verarbeiten – ein Knochenjob!

Die Gerber von Fès sind berühmt und man kann ihnen von einer Terrasse aus bei ihrer Tätigkeit zuschauen. Täglich verbringen sie eine Stunde in den Bassins, um die rohen Tierhäute zu Leder zu verarbeiten – ein Knochenjob!

Wir machen einen Abstecher in eine der alten Karawansereien, in der es deutlich ruhiger zugeht. Wo früher die Kamele in den Herbergen der alten Karawanenwege standen, finden sich heute Handwerksbetriebe, wie zum Beispiel die Webereien. Auf mächtigen Webstühlen fertigen die Männer und Frauen Tücher aus Baumwolle oder Agavenseide. Die Arbeit bringt nur wenig Lohn: Für einen Schal, an dem ein Weber einen Tag arbeitet, erhält er umgerechnet 100 Dirham, etwa 10 Euro. Berühmt ist Fès vor allem für seine Gerber. Nur mit Hilfe von Fatima finden wir durch das Labyrinth der Gassen zum Viertel Blida, dem Viertel der Gerber, und zu der berühmten Aussichtsterrasse, von der man einen herrlichen Blick auf die zahlreichen Bassins hat, in denen die Arbeiter ihrem beschwerlichen Handwerk, der Färberei der Lederhäute, nachgehen. Ob die Arbeit denn gesundheitsschädlich sei, fragen wir Jamal, der in Blida sowohl Verkäufer als auch Guide und Informant in einer Person ist. Nein, sei es nicht, ganz im Gegenteil: „Für Asthmakranke sei die Arbeit aufgrund der Ausdünstungen geradezu Medizin“, versichert uns der stattliche junge Mann und wir fühlen uns ein wenig an das Jägerlatein von Jalil aus Rabat erinnert. Dann drängt er uns dazu, die Aussichtsplattform doch zu verlassen, um uns endlich einmal die Waren anzuschauen. Für unseren Profifotografen Martin ist dieses Drängen ein hoffnungsloses Unterfangen. Zu viele Motive findet er hier, zu sehr wartet er auf das rechte Licht im richtigen Moment. Jamal zuliebe schauen wir uns dann doch noch im Laden um, allerdings ist Quantität nicht gleich Qualität und die Schnitte der unzähligen Jacken und Taschen entsprechen nicht gerade dem neuesten Pariser Chic.

Zu Gast im Paradies

Der Ausdruck Riad stammt vom arabischen „Riyad“, was so viel wie „Garten“ heißt.

Der Ausdruck Riad selbst stammt
vom arabischen „Riyad“, was so viel wie
„Garten“ heißt.

In all dem Trubel ist das Riad, in dem ComfortPlus-Gruppen in Fès untergebracht sind, eine Oase der Ruhe. Wo außen das Leben tobt, herrscht innen Stille. Der Besitzer, Herr Lasrak, hat die Ausstrahlung eines alten Gelehrten, dem man sich nicht entziehen kann und auch nicht sollte. In grammatikalisch fast einwandfreiem Deutsch erklärt er uns, was ein Riad ist und welche Bedeutung es für die Menschen hat. Der Ausdruck selbst stammt vom arabischen „Riyad“, was so viel wie „Garten“ heißt. Der Garten ist für Muslime wiederum das „Paradies“. Und so betreten wir also das „Paradies“ seines Besitzers und entsprechend achtet dieser darauf, wen er hineinlässt. Zwei Türen muss der Besucher passieren: Die erste ziert in der Regel das Auge der Fatima, oft symbolisiert durch eine Schlange, einen Skorpion und einen Pfeil, um Unheil vom Haus abzuwehren. Gehört man zur Familie oder ist man bekannt, so öffnet sich die große Tür. Als Fremder muss man sich durch eine kleinere Tür in der großen Tür zwängen, da der Besitzer nicht will, dass Unbekannte direkt einen Blick auf das Innere des Riads haben. Bei einem traditionellen Riad gibt es noch eine zweite Tür, die der Gast durchqueren muss. Hat er das geschafft, übergibt ihm der Besitzer seinen Schlüssel als Zeichen, dass er damit zum Haus und zur „Ahlan“, zur Familie, gehört. „Der Besitzer übernimmt quasi die Verantwortung für den Gast“, erklärt Herr Lasrak. Doch mit der Schlüsselübergabe ist die Willkommenszeremonie noch lange nicht beendet: Als nächstes begrüßt der Eigentümer den Neuling mit „Salam aleikum“ – „Friede sei mit dir!“ Dann bringt er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der Reisende eine „Sahlan“, eine Ebene, durchquert hat. Diese Ebene steht symbolisch für geringe Reisestrapazen ohne Berge und Täler, ohne Hindernisse und Krankheiten. Abschließend heißt er ihn mit einem „Merhaba“ willkommen.

Die Wände des Riad zieren prunkvolle Mosaike, verschiedene Arabesken, Formen, Pflanzennachbildungen.

Die Wände des Riad zieren prunkvolle
Mosaike, verschiedene Arabesken, Formen, Pflanzennachbildungen.

Das eigentliche Riad, das „Paradies“, besteht aus mehreren Elementen. Im Zentrum steht ein Sekkaja oder ein Khassa, entweder ein Brunnen an der Wand oder in der Mitte des Riads. Umgeben wird der Brunnen von vier symbolischen oder tatsächlichen Gärten. Die Wände zieren prunkvolle Mosaike, verschiedene Arabesken, Formen, Pflanzennachbildungen, jedoch niemals – wie in der arabischen Welt üblich – Abbildungen von Menschen oder Tieren. Hinzu kommen Verse aus dem Koran, Gedichte oder Lobpreisungen. Auch schmücken herrliche Rahmen aus Zedernholz oder von Hand geschmiedete Eisenarmaturen das Innere des Riads. Der Boden ist in der Regel mit italienischem Marmor aus Carrara erbaut. In früheren Zeiten wurde dieser Marmor im Tauschhandel mit Italien gegen Zucker erworben. Ferner verfügt ein Riad über ein Erdgeschoss mit hohen Decken und ein Obergeschoss mit kleineren Zimmern. Im Sommer lebt die Familie in der unteren Etage, um die Kühle zu nutzen, im Winter ziehen sie in die oberen Zimmer, die der Sonne näher und damit wärmer sind. Auch werden im Sommer die Teppiche weggeräumt, die im Winter für Wärme an den Füßen sorgen. Aus unserem Gastgeber, Herrn Lasrak, sprudelt das Wissen nur so hervor. Seine spannenden Beschreibungen dauern schon gute zwei Stunden. Wären nicht zwei weitere Gäste aus Italien eben angekommen, so hätte er wahrscheinlich noch bis in die Nacht weitergesprochen und erklärt. Das macht er jetzt mit den Italienern – natürlich in fließendem Italienisch. Wie auch sonst.


Marokko, ein Land voll mit jungen Leuten, voll mit Überraschungen – alles ist in Bewegung.


Eine moderne Frau aus Fès

Otfried Schöttle stößt mit Fatima auf den landestypischen Pfefferminztee an.

Otfried Schöttle stößt mit Fatima auf den landestypischen Pfefferminztee an.

Frauen haben es in Marokko oft besser als in anderen arabischen Ländern, gut ist jedoch noch lange nicht alles. Unsere deutschsprachige Reiseleiterin aus Fès, Fatima, lädt uns zu sich nach Hause ein. Bei Plätzchen und Pfefferminztee plaudert die junge Frau aus dem Nähkästchen. Vieles habe sich in den letzten Jahren für die Frauen verbessert, manches jedoch auch verschlechtert. Ja, ein Mehr an Freiheit gebe es, auch das Recht zu studieren und selbst zu entscheiden, nun aber habe die Frau oft auch eine Doppelbelastung. Die Ehemänner akzeptierten zwar den Wunsch nach beruflichem Engagement, ihre Mitarbeit im Haushalt sei aber ähnlich dürftig wie früher. Ihr Mann sei glücklicherweise anders, „wenn auch nicht perfekt“, fügt Fatima mit einem Lächeln hinzu. Und romantisch! Ihre Hochzeitsreise führte sie nach Tanger und wenn Fatima von dieser Stadt erzählt, bekommt sie glänzende Augen. Wir fragen Fatima, warum in den Cafés in Fès nur Männer zu sehen sind und ob es auch für Frauen Treffpunkte gäbe. Ja, die gäbe es natürlich, aber weniger als für Männer. Überhaupt würden sich die Frauen in ihrer Freizeit lieber zum Shoppen als zum Teetrinken treffen. Leider wäre dazu das Geld oft knapp, deshalb wünsche sie sich, dass ihr Mann, der in einer Textilfabrik arbeitet und umgerechnet 200 Euro im Monat verdient, bald befördert würde oder einen neuen, besser bezahlten Job fände. Zudem würde sie mit ihm und den beiden Kindern so gerne mal wieder nach Tanger reisen, um dort Urlaub zu machen. Dann schreit die einjährige Sahra im Nebenzimmer – unser Gespräch ist beendet, denn Fatima muss nun wieder die Rolle der Mutter übernehmen.

Durch den Mittleren in den Hohen Atlas

Wir nehmen Abschied von Fatima, Herrn Lasrak und dem Trubel der Großstadt und fahren hinauf in den Mittleren Atlas. Als der erste Schnee auftaucht, sind wir in Ifran. Ischgl auf marokkanisch anstatt Märchen aus 1001 Nacht! Nur die japanischen Luxusliner halten hier länger oder bleiben gar eine Nacht im Hotel Chamonix. Wir kehren dem Ort rasch den Rücken und es geht immer höher bis auf etwa 2.000 Meter, an schneebedeckten Bergkuppen, kleinen Tümpeln und Basaltlandschaften vorbei, auf denen sich weidende Ziegen oder Schafherden in der Weite verlieren.

Schafhirten tauchen immer wieder plötzlich aus dem Nichts in dieser unwirtlichen, surreal schönen und endlosen Landschaft auf.

Schafhirten tauchen immer wieder plötzlich aus dem Nichts in dieser unwirtlichen, surreal schönen und endlosen Landschaft auf.

In einem kleinen Waldgebiet entdecken wir eine Horde Berberaffen, die durch den Schnee ziehen und in den Bäumen von Steineiche zu Zeder springen. Keinen Kilometer weiter treffen wir auf eine Gruppe junger Marokkaner, die sich Schlitten aus alten Skiern zusammengezimmert haben, um damit die sanften, schneebedeckten Hügel mit viel Gejohle hinunterzurauschen. Im kleinen Bergdorf Timahdite machen wir Mittagspause: Beim örtlichen Fleischer kaufen wir Köfte (Hackfleisch) und Ziegenkotelett und bringen das Fleisch zu einem Restaurant mit Grill. Als Beilage gibt es eine Tajine mit Gemüse und einen marokkanischen Salat, bestehend aus Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Korianderblättern, dazu die Kulisse der herrlichen Berge bei strahlend blauem Himmel – Reiseherz, was willst du mehr!

Die Bergdörfer in dieser Gegend machen einen überaus gepflegten Eindruck, überall entstehen neue Häuser.

Die Silhouette einer Kashbah vor dem Gebirge des Hohen Atlas.

Die Silhouette einer Kashbah vor dem Gebirge des Hohen Atlas.

Seit dem arabischen Frühling musste der aktuelle König Mohammed VI. die kritischen Berbervölker der Berglandschaften besänftigen. Geld floss in die Region und die Infrastruktur wurde verbessert. Eigentlich ist König Mohammed VI. nach dem Tod des ungeliebten Vaters Hassan II. ohnehin ein Hoffnungsträger für die Marokkaner gewesen. Anfängliche Reformen verliefen sich jedoch im Sande und nach mehreren Jahren regierte der Sohn wie der Vater zum Vorteil des Königshauses. Es gibt ein interessantes Buch des regimekritischen Autors Moumen Diouri, der den König als „Selbstbediener“ darstellt, der die eigene Volkswirtschaft für sein Privatvermögen ausnutzt. Erst mit dem Umsturz in Tunesien änderte sich vieles für Marokko und der König war klug genug, die für ihn prekäre Lage rechtzeitig zu erkennen. So wird er heute von fast allen Bevölkerungsgruppen akzeptiert, offiziell sogar geliebt und Marokko ist fraglos aktuell eines der stabilsten orientalischen Länder. Wir erreichen ein etwa 60 Kilometer breites Hochplateau, das den Mittleren mit dem Hohen Atlas verbindet, der sich 800 Kilometer von Agadir bis in den Norden Algeriens erstreckt. Mit dem Passieren des über 3.600 Meter hohen Ayachi durchqueren wir das Tor zum Hohen Atlas. Die Landschaft ist nunmehr karg, endlose Geröllfelder, erodierte Böden, sanft gewellte Berge und Wadis (Trockentäler) erstrecken sich soweit das Auge reicht und das einzige Grün besteht aus kleinen Grasbüscheln, die gleich kleiner Oasen in der trockenen Landschaft tapfer ihr Dasein verteidigen. Die Menschen hier sind scheu und sobald wir die Kamera ansetzen, um einen der Schafhirten, die immer wieder plötzlich aus dem Nichts in dieser unwirtlichen, surreal schönen und endlosen Landschaft auftauchen, zu fotografieren, wenden sich diese verschämt ab und natürlich respektieren wir den Wunsch, nicht aufgenommen zu werden.

Die Sterne weisen den Weg

Es ist dunkel, als wir den kleinen Ort Merzouga erreichen. Dennoch satteln wir unsere Kamele und reiten zu unserem Camp am Fuße der höchsten Düne Marokkos, im Gebiet von Erg Chebbi. Über uns funkelt prächtig der Sternenhimmel und wir fühlen uns in die Zeit der alten Karawanenstraßen versetzt, wo man sich noch mithilfe der Sternbilder orientierte, wenn man von Marrakesch nach Timbuktu ziehen wollte. Die wichtigste Sternkonstellation war in den Zeiten vor GPS das Kreuz des Südens, ein Konstrukt aus sechs Sternen, an denen man den für die Orientierung wichtigen Polarstern ausfindig machen konnte. Heute dienen die Sterne vielleicht nicht mehr der Wegfindung, der romantischen Atmosphäre jedoch allemal. Unweigerlich denkt man an Lawrence von Arabien bei diesem Abenteuer und es überkommen einen Glücksgefühle, der Natur und sich selbst ganz nah zu sein. In unserem Camp werden wir von dem Berber Abdullah empfangen. Sein wettergegerbtes Gesicht, das auch ohne Worte schon viele Geschichten zu erzählen hat, ist von eigentümlicher Schönheit. Am Lagerfeuer berichtet er uns von seinen Abenteuern in der Wüste, vom Leben hier draußen und davon, dass er jedes Sandkorn, jeden Stein und Busch der Umgebung kennt. Schon im Dunkeln sehen wir den riesigen Schatten der höchsten Düne von Erg Chebbi, die wir am folgenden Morgen mit 15 Kilogramm Kameraausrüstung und entsprechender Mühe besteigen. Doch alle Strapazen lohnen sich, denn wir werden mit faszinierenden Ausblicken auf die Weite des Sandmeeres und mit einem herrlichen Sonnenaufgang belohnt.

Oasenstädte und Datteln

Im Ort Merzouga, dem Tor zur Sahara, regnet es alle eineinhalb Jahre. Dann verwandelt sich die Wüste in einen grünen Pflanzenteppich. Nach zwei Monaten ist der „grüne Spuk“ dann auch schon wieder vorbei und Sand und Stein dominieren erneut die Region. In Marokko gibt es drei verschiedene Wüstenarten: Die mit Bergen und mächtigen Felsen nennen sich auf Arabisch „Reg“, die flachen, endlosen Plateaus mit Geröll „Hammada“ und die Sandwüsten „Erg“. Auf unserem weiteren Weg zur Todra-Schlucht durchqueren wir diese unterschiedlichen Wüsten und treffen dabei immer wieder auf malerische Oasendörfer und -städte. Diese verdanken ihre Entstehung einem recht hohen Grundwasserstand. Es gibt Fluss- oder Quelloasen, die für die Bewässerung oft durch unterirdisch angelegte Kanalsysteme, die sogenannten Katarakte, verzweigt werden. Das satte Grün der Dattelpalmen, die dort wachsen, sorgt für die unglaublich schönen Kontraste zu den lehmfarbenen Böden und Häusern der Umgebung. Datteln sind in dieser Region neben Aprikosen, Oliven und Granatäpfeln das wichtigste Agrarprodukt: Hier wird der Löwenanteil der 110.000 Tonnen (!) Datteln gepflückt, die Marokko jährlich produziert.

Datteln sind in dieser Region neben Aprikosen, Oliven und Granatäpfeln das wichtigste Agrarprodukt.

Datteln sind in dieser Region neben Aprikosen, Oliven und Granatäpfeln das wichtigste Agrarprodukt.

Am Ortseingang von Tinerhir werden wir von riesigen, weißen Lettern, die auf einem Hügel angebracht sind, mit dem Motto Marokkos begrüßt: „Allah, al-Watan, al-Malik“ – „Gott, Land und König“. Der Ort ist das Tor zur 300 Meter tief eingeschnittenen Todra- Schlucht, die vor 360 Jahren durch tektonische Verschiebungen entstanden ist. Erosion in Form von Wind, Regen und Sonne haben über die Jahrmillionen das heutige Landschaftsbild geschaffen. Die Schlucht ist ein Mekka für Wanderer und Kletterer, entsprechend haben sich hier viele Hotels in und um die Schlucht angesiedelt. Uns zieht es deshalb in eine andere Region des Hohen Atlas, um abseits der Touristenpfade auf Wanderschaft zu gehen. Diese beginnt jenseits der Todra-Schlucht, unweit des Dades-Tals, im kleinen Dorf Alemdoun.

Marokko (c) WORLD INSIGHT 36

In der Gîte d’étape wird uns ein schmackhaftes Frühstück bereitet.

Zu Fuss geht´s durch das wilde Marokko. Touda ist unsere Herbergsmutter in der Gîte d‘étape und eine Seele von Frau: Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie für uns ein Frühstück aus Oliven, Fladenbrot, selbstgemachter Olivenmarmelade und Eiern gezaubert. Sie meint, wir müssten gestärkt auf unsere Trekking-Tour gehen. „Gîte“ kommt aus dem französischen und heißt so viel wie „Berghütte“. Der einzige Luxus hier ist das fließend warme Wasser der Gemeinschaftsdusche und natürlich der atemberaubende Ausblick auf die Bergriesen des Hohen Atlas. Nicht nur die Dusche wird geteilt, sondern auch die Zimmer und die Toiletten. Einfach ist es, aber sauber, sogar ein kleines Heimatmuseum haben Touda und ihr Mann in ihrer „Gîte“ eingerichtet. Gäste unserer Marokko aktivPlus- Reise machen während der 4-tägigen Trekking-Tour hier Station. Wir satteln unsere Maulesel, die unsere schwere Kameraausrüstung tragen, und wandern neben den Tieren durch die Felsschlucht von Agouti. Im Wadi fließt ein kleines Bächlein, das im März und April, wenn die Schneeschmelze in den Bergen in vollem Gange ist, zum Fluss anschwellen kann. Knorrige Feigenbäume und vor allem Oleander stehen am Wegesrand. Frauen, vollbepackt mit Zweigen der Büsche, kommen uns immer wieder entgegen. Mit dem Holz des Oleanders werden die traditionellen Dächer gedeckt. Ziegen, gefolgt von ihren leichtfüßigen Hirten, springen geschickt in der mehr als 300 Meter hohen Schlucht umher, um das spärlich wachsende Gras zu finden. Den Oleander im Tal können sie nicht fressen, er wäre Gift für sie.

Das Leben in den Bergen ist hart, auch heute noch.

Auf dem Weg durch das Tal erzählt mir Mohammed, einer unserer Country Manager in Marokko, der uns gemeinsam mit unserem deutschsprachigen WORLD INSIGHT-Reiseleiter Ahmed auf dieser Tour begleitet, seine Geschichte. Der 38-jährige Familienvater ist in den Bergen im kleinen Ort R’bat aufgewachsen und weiß noch, wie es war, als die Dörfer nur durch einfache Wege mit der Außenwelt verbunden waren. Im Winter, wenn der Schnee teilweise bis zu sechs Meter (!) hoch lag, war man gänzlich von anderen Dörfern und Städten abgeschnitten. Als er mit 13 Jahren auf die höhere Schule in Azilal wechselte, war dies ein Gang in eine andere Welt: buchstäblich ein Gang, denn von den 80 Kilometern, die ihn fortan von seiner Heimat trennten, waren damals nur zwanzig befahrbar. Anders als in seinem Dorf gab es Strom und sogar Fernsehen.

Es ist eine fantastische und friedliche Welt hier im Hohen Atlas.

Es ist eine fantastische und friedliche Welt hier im Hohen Atlas.

Den Jungen plagte oft das Heimweh. Heute lebt Mohammed in Marrakesch, doch er ist bodenständig geblieben und tief mit der Bergwelt verwurzelt. Seine Frau stammt aus dem gleichen Dorf wie er und wenn es die Zeit erlaubt, dann kehren sie immer wieder gerne zurück, auch wenn man dann „gleich mit anpacken muss“, wie es Mohammed beschreibt. Das Leben in den Bergen ist hart, auch heute noch. Entsprechend sind die Menschen zurückhaltend, aber stets freundlich und verlässlich. Kein Wunder, dass wir fast alle unsere Reiseleiter aus den Bergregionen rekrutieren.

Mittlerweile haben wir den Ort El Hot erreicht. An der örtlichen Kasbah machen wir Station, über deren Tür „Bismillah“ geschrieben steht, „im Namen Gottes“. Die Kasbah ist mehr als 100 Jahre alt und wird traditionell vom Dorfchef, dem „Amghar“ oder „Sheikh“ bewohnt. Die unterste Etage beherbergt das Vieh, Maultiere, Esel, Ziegen und Geflügel. Die zweite Etage bietet Stauraum für die Nahrungsmittel von Tier und Mensch. Erst im dritten Stock lebt die Familie. Oben auf dem Dach stehen Schießscharten: Zu Zeiten der Nomadenvölker, die im Sommer in den Hohen Atlas und im Winter zurück in die Ebenen zogen, plünderten diese immer wieder die Dörfer der Bergregionen – keine 200 Jahre ist dies her. In jenen Wechselzeiten brachten die Dorfbewohner ihre Habe in die Kasbah und verteidigten sie von dort. Daher stammt der Ausdruck „Agadir“, er beschreibt einen Ort der Sicherung. Überall im Dorf sehen wir getrockneten Bambus, er dient als Unterlage für die Dächer. Die Häuserwände werden aus Lehm gemacht und zur besseren Festigkeit mit Stroh durchsetzt, was auch der Wärme- und Kältedämmung dient. Am Fluss sitzen die Frauen in bunten Gewändern, ihre Wäsche mit der Hand waschend, und um sie herum sehen wir spielende Kinder. Es sind malerische Augenblicke, die wir leider nicht immer fotografieren können, da besonders die Frauen keine Bilder von sich machen lassen möchten. Herrlich grüne Felder erstecken sich durch das Tal, auf denen Getreide, Mais, Kartoffeln, Zwiebeln und „Alfalfa“, der Futterklee, angebaut werden. Es ist eine fantastische und friedliche Welt hier im Hohen Atlas.



Marokko ist ganz bestimmt auch ein Reiseziel für Familien – aus diesem Grund haben wir auch eine spannende Family Tour im WORLD INSIGHT Programm.


Das Hollywood Marokkos: Ouarzazate

Mit dem Frieden ist es in Ouarzazate dagegen seit 1983 vorbei. Zu diesem Zeitpunkt entdeckte Hollywood die herrliche Bergwelt des Atlas und drehte mit Michael Douglas und Kathleen Turner den Streifen „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“. In den „Atlas Film Studios“ treffen wir Aziz. Er ist eigentlich nur Trainee, arbeitet aber dann und wann schon mal als Kamera-Assistent, wie er mit glänzenden Augen berichtet. Zudem leitet er Touristen durch die Filmstudios. Aziz ist noch jung und es kann noch was werden mit der Filmkarriere. Doch davon träumen alle der rund 5.000 Einwohner von Ouarzazate, die in der Filmbranche beschäftigt sind. Für die meisten bleiben jedoch nur die Rollen als Statisten übrig oder schlechtbezahlte Arbeiten beim Bau der mächtigen Kulissen, die bei kolossalen Streifen, wie „Asterix“, „Gladiator“ oder „7 Jahre in Tibet“ nun einmal nötig sind. Billige Produktionskosten sind deshalb auch eines der wichtigsten Argumente für die Filmemacher aus Amerika, Europa und auch Asien, hier zu drehen. Hinzu kommen der oft makellose, blaue Himmel und die Wüste, die alle Nebengeräusche verschluckt. Auch können sich westliche Stars, wenn sie nicht gerade Brad Pitt heißen, recht unbehelligt in der Stadt bewegen. Zwar kennen die Marokkaner die Filme, jedoch kaum die Darsteller. Anders ist das bei marokkanischen Filmgrößen, wie zum Beispiel Kamal Kadimi oder Aziz Dadas, die aktuell die Serie „Dalas“ in Ouarzazate drehen. Dann herrscht Ausnahmezustand in der Stadt. „Dalas“ ist eine Komödie ganz nach marokkanischem Geschmack, wie uns Aziz erklärt: schwarzer Humor, bizarre Handlung. Held der Geschichte ist ein Regisseur, der einen Film mit einer Leiche zu Ende drehen muss, weil sein Hauptdarsteller mitten in den Arbeiten stirbt. Kühner, skurriler Humor – wer hätte das in Marokko vermutet? In den Filmstudios sind alle Bauwerke Fakes aus Gips und Styropor und selbst die arabischen Schriftzeichen sind nur sinnlose Geschreibsel. Dabei müsste man in Ouarzazate Kulissen eigentlich nicht künstlich erstellen: Ein gutes Beispiel ist die Kasbah von Aït Benhaddou, 35 Kilometer außerhalb der Stadt. Hier wurde in den 60er-Jahren der Kultfilm „Lawrence von Arabien“ gedreht, lange bevor die Atlas Film Studios ihre Tore öffneten. Vor den schneebedeckten Bergen des Hohen Atlas bildet die Kasbah mit dem kleinen Dorf ein traumhaftes Bild. So einzigartig, dass die UNESCO Aït Benhaddou zum Weltkulturerbe erklärte.

Argan-Bäume und das zauberhafte Essaouira

Unsere Reise geht weiter, am Ort Ifri vorbei, wo wir einen herrlichen Blick auf den 4.167 Meter hohen und damit höchsten Berg des Landes, den Jebel Toubkal, genießen, bis nach Taroudant. Hier, im „kleinen Marrakesch“, leben rund 80.000 Einwohner. Bemerkenswert sind die Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert und die Tatsache, dass der ehemalige Staatspräsident Jacques Chirac hier ein Ferienhaus hatte. Sonst steht die Stadt nicht für Spektakuläres. Das Leben spielt sich am Place el Alouine ab, wo sich Gaukler und Händler, Schlangenbeschwörer und Wunderheiler, Schuhputzer und Teeverkäufer, Touristen und Einheimische zum Verweilen treffen. Taroudant besticht vor allem durch seine wunderschöne Lage am Fluss Souss zwischen dem Hohen Atlas und Antiatlas. Auch wachsen hier die Argan-Bäume, aus denen das berühmte und begehrte Öl gemacht wird. Uns zieht es an die Küste. Wir lassen die Bettenburgen von Agadir links liegen und erreichen Essaouira, die sagenhaft schöne Küstenstadt am Atlantik.

Hitchcock hätte in Anlehnung an „Die Vögel“ bei diesem Foto Pate stehen können: Essaouira wird von tausenden von Möwen bevölkert, die unser Fotograf Martin Buschmann hier bei einem sensationell schönen Bild in Szene setzt.

Hitchcock hätte in Anlehnung an „Die Vögel“ bei diesem Foto Pate stehen können: Essaouira wird von tausenden von Möwen bevölkert, die unser Fotograf Martin Buschmann hier bei einem sensationell schönen Bild in Szene setzt.

Man könnte hier Wochen verbringen und würde nicht genug von dieser Stadt bekommen: von den Blicken auf das endlose, wilde Meer, das gegen die Mauern der Stadt prallt, von den traumhaften Sonnenuntergängen über dem klaren, tiefblauen Himmel, von den engen Gassen der vollständig erhaltenen Medina, von den kreischenden Möwen, die sich wie Federn durch die Luft treiben lassen, von den köstlichen Fischen, die die unermüdlichen Fischer täglich an Land bringen, von den Künstlern, die in den Straßen ihre Arbeit anbieten, von den Menschen, die ihre Stadt und ihr Meer so von ganzem Herzen lieben. Man könnte viel über die Geschichte der Stadt berichten, von Piraten, die hier ihr Zuhause fanden, vom französischen Architekten Théodore Cornut, auf den der außergewöhnliche, rechtwinkelige Grundriss Essaouiras zurückgeht, von den Hippies der 60er- und 70er-Jahre – man kann sich aber auch einfach nur in ein Café setzen, sich zurücklehnen und das Hier und Jetzt genießen. Mit einem Satz: Essaouira lässt sich nur schwer in Worte fassen, man muss das Feeling der Stadt einfach selbst erleben!

Marrakesch: Von Beduinen bis Beckham

In Essaouira träumen, in Marrakesch hellwach sein: Die Stadt ist voller Trubel und Eindrücke, voller Eselskarren, die durch die Souks drängen, voller Autos, die laut hupend durch die Straßen fahren, voller Händler, die Kitsch zu überhöhten Preisen anbieten, voller Kunst, die man meist erst auf den zweiten Blick erkennt. Hinter den mittelalterlichen Fassaden der Altstadt befinden sich oft luxuriöse Hotels und Riads, wo sich marokkanische Baukunst mit französischer Stararchitektur mischt. Der Name „Marrakesch“ heißt übersetzt „Durchzugsland“ und auch „Land Gottes“, wie uns unser Reiseleiter Ahmed erklärt. Zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert haben sich im Ortsteil „La Palmeraie“ die Nomaden getroffen, um den 60 Tage langen Marsch durch die Wüste nach Timbuktu anzutreten. Im Gepäck hatten sie Zucker, Datteln, Schmuck und Leder und zurück kamen sie, „Inschallah“, also wenn Allah es so wollte, mit Salz und vor allem mit Gold. Marrakesch ist die zweitbedeutendste Königsstadt Marokkos hinter Fès. Bemerkenswert ist, dass die Geschicke der eine Millionen Einwohner zählenden Metropole eine Frau lenkt. Ahmed ist damit sehr zufrieden: „Seit die 38-jährige Fatima Zahra Mansouri Bürgermeisterin ist, geht es der Stadt deutlich besser“, meint er. Müll sei von der Straße verschwunden, jeder habe nun auf dem Hauptplatz der Stadt, dem Djemaa el Fna, seinen zugewiesenen Platz und auch der Ökotourismus werde stark gefördert. Nur einigen unverbesserlichen Konservativen sei die junge Frau an der Spitze der Stadt ein Dorn im Auge.



Obwohl die Medina von Marrakesch einem orientalischen Märchen entsprungen zu sein scheint, ist Marrakesch selbst eine moderne und weltoffene Stadt. Nicht unwesentlichen Anteil hat daran der französische Modeschöpfer Yves Saint Laurent, der Marrakesch vor allem für die französische Haute Couture salonfähig machte. Doch auch jenseits der frankophonen Welt ist Marrakesch heute „in“. Madonna und David Beckham haben hier prächtige Anwesen und die Kino- und Filmfestivals gehören zu den schönsten der Welt, weil sich hier Stars und Volk untereinander mischen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Marrakesch heute ein so teures Pflaster ist, dass sich die Einheimischen die Preise für Häuser und Wohnungen kaum noch leisten können. Wir haben hier eine letzte Verabredung mit Ismail, dem Koch, der alle unsere aktivPlus-Reisen begleitet. Wir wollen mit ihm über die Märkte streifen, um Waren für eine Tajine einzukaufen, die wir für unsere deutschsprachigen WORLD INSIGHT-Reiseleiter zubereiten wollen, die wir für den Abend zum Essen eingeladen haben. Ismail ist sehr kritisch, was die Waren auf den Märkten anbelangt. Auch wenn er die Händler gut kennt, bei denen wir einkaufen, prüft er jede Aubergine, jede Tomate und jedes Stück Fleisch mindestens zweimal, bevor es seinen Besitzer wechselt und in seinen Beutel wandert. Ahmed weiß, dass Ismail die gute Seele auf unseren aktivPlus-Reisen ist: „Nach einer tollen Wanderung willst du was ordentliches essen“, weiß er aus eigener Erfahrung und da sei es wichtig, dass der Maître de Cuisine nicht nur gut kochen kann, sondern auch stets gute Stimmung verbreitet.

Die Stadt ist voller Trubel und Eindrücke, voller Eselskarren, die durch die Souks drängen.

Die Stadt ist voller Trubel und Eindrücke, voller Eselskarren, die durch die Souks drängen.

Ein super Typ ist Ismail allemal und ausgezeichnet kochen kann er auch: Beim Reiseleitertreffen am Abend können wir alle uns davon einmal mehr überzeugen. Überhaupt, es ist wie ein Familientreffen: Unsere Guides, die alle aus den Bergen des Atlas stammen, sind aufrichtige Menschen, die sich untereinander kennen, sich nicht neiden und gutes Deutsch sprechen. Es sind Menschen mit Verantwortungsbewusstsein, vielleicht etwas zurückhaltender als die Reiseleiter aus der Stadt, dafür sehr bodenständig, herzlich und ehrlich. Alles Eigenschaften, die wir bei Reiseleitern weltweit so sehr schätzen, wenn wir sie mit Ihnen, liebe Gäste, auf Tour schicken. Es wird ein Abend unter Freunden, unter dem wolkenfreien Sternenhimmel von Marrakesch, vor der prächtigen Kulisse der Koutoubia-Moschee. Ohne Frage: Marokko ist ein Land der unvergesslichen Eindrücke und Erlebnisse und es braucht keine Übertreibungen, keine Reiseleiter wie Jalil, die mit irgendwelchen Prominenten auf Tour waren und damit angeben. Es braucht nur Menschen, die Lust haben, Neues zu entdecken, und die offen sind für unvergessliche Erlebnisse und Abenteuer: Menschen wie unsere Reisegäste.

Seien Sie herzlich Willkommen in Marokko!

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